Erbgericht Pohla
Die Geschichte des "Erbrichtergutes" Pohla ist sehr lang und beginnt wohl schon kurze Zeit nachdem der Herr auf Pohla, Elia von Ponickau, im Jahre 1583 mit der Gerichtsbarkeit über "Polaw und Schonborn etc." betraut worden war.
Der Erbrichterhof befand sich auf dem Grundstück gegenüber dem späteren Gasthof. Heute steht dort das Vereinshaus. Auf dem hiesigen Areal unterhielt der Erbrichter ein Brauhaus, über dessen Ursprung genauso wenig bekannt ist, wie über die Zeit der Ergänzung dieses Brauhauses um eine „Schänkwirtschaft“. Einen ersten Hinweis liefert die Bezeichnung des Erbrichters Jacob König als „Kretschambesitzer“ im Jahre 1755. Aus dieser Zeit gibt es einen Bericht zu einer Klage Königs gegen Johann George von Ponickau, weil Letzterer auf dem Rittergutshofe Bier ausschenkt, obwohl König dazu in Pohla das alleinige Recht habe.
Im Jahre 1831 erwarb Carl Gotthelf Rietschel den Erbrichterhof. Zu diesem Kauf gibt es eine ausführliche Eintragung im Gerichtsbuch von Pohla. Dort findet sich eine Inventarliste für "Brau und Brennerei", u. a. sind aufgeführt: "die Braupfanne, zwey Bierböttige, zwey Biertrichter, eine Brandweinblase, ein Kühlfaß mit 4. eisernen Reifen, zwey Maischefäßer, zwey Tafeln und 3. Bänke" und "eine Tafel und 3. Bänke oben auf dem Tanzsaale". Daraus lässt sich ableiten, dass die Brauerei und Brennerei mit einem Schankraum (Tafeln und Bänke) und oben einem Saal ausgestattet war. Die Familie Rietschel blieb im Besitz des Erbrichterhofes bis zum Jahre 1869. Die Schänke war in dieser Zeit stets verpachtet, die Gastwirte wechselten allerdings sehr häufig.
Im Mai 1869 weihte der damalige Pächter einen neuen "Kegelschub" ein. Schon mindestens ab 1850 hatte ein solcher existiert und den Gastwirten für vielfältige Preiskegelspiele gedient.

Einen gravierenden Einschnitt gab es im erwähnten Jahr 1869: Bei einer Zwangsversteigerung brachte Johann Georg von Ponickau den gesamten Erbrichterhof in seinen Besitz und ließ das zugehörige Brauhaus abreißen, die Verpachtung des Schankbetriebes wurde dessen ungeachtet ohne Unterbrechung bis Dezember 1869 fortgesetzt und endete mit einem „Abzugsschmauss mit Tanzmusik" des vorerst letzten Pächters Carl Förster.
Sächsischer Erzähler 04.12.1869:

Am Beginn des Jahres 1870 kaufte Ernst Otto Rodig die drei Flurstücke (Haus und Hof, Garten und Teich) nördlich der Straße, die seitdem abgetrennt sind vom Erbrichterhof! Rodig betrieb nun die Gastwirtschaft selbst und lud schon "Am Sylvester-Abend" 1869 zur "Musikalischen Abendunterhaltung" ein.
Interessant ist, wie das Gasthaus in Annoncen im „Sächsischen Erzähler“ benannt wurde:
Die Liste der weiteren Erbgerichtsbesitzer ist unglaublich lang, deshalb sollen hier nur wenige genannt werden. Hauptursache für die vielen Wechsel, auch bei den jeweiligen Pächtern, war stets der mangelnde Ertrag aus dem Gastwirtschaftsbetrieb. Dieser Zustand ist bis in die letzten Jahre des Gasthauses immer wieder zu finden!
- 1880: Gründungsversammlung des Männergesangvereins im Erbgericht, eingeladen hatte der Gastwirt Ernst Rodig.
- 1908: Am 6. Mai brannte das Erbgericht vollständig nieder und wurde von Gustav Gottlöber sofort wieder neu aufgebaut.
- 1909: Der Turnverein Pohla gründete sich ebenfalls im Erbgericht, das wie auch für den Gesangverein viele Jahre als Vereinslokal diente.
- 1917: Gastwirt Georg Koban ist unter den Opfern des 1. Weltkrieges.
- 1933: Otto Gottschalt erwarb das Grundstück und behielt dieses bis 1948. Die Gastwirtschaft verpachtete er allerdings mehrfach.
- 1946: erhielt Meta Gottschalt die erste Ausschankkonzession nach dem Krieg.
- 1948: Mit Willy Tannert und später Herbert Mirow erwarben die (vorerst) letzten privaten Gastwirte das Erbgericht.
- 1956: Die LPG „8. Mai“ kaufte das Objekt von der Gläubigerbank des insolvent gegangenen Besitzers und nutzte es in der Folgezeit (bis 1990) für verschiedene Zwecke: Wohnungen, Büro, Schulsporthalle, Küche (u. a. auch für die Schulspeisung) und Kulturhaus.
- 1970: In den 1970er und 1980er Jahren feierte der Jugendclub mit Discoveranstaltungen große Erfolge und war damit in weitem Umkreis bekannt.
- 1990: begann mit der Übernahme des Gasthausgrundstücks durch die Reichelt und Findeisen GbR die bisher letzte Blütezeit unter dem Namen „Landgasthof“. Sogar Pensionszimmer wurden eingerichtet. Auf dem Saal fanden vielerlei Veranstaltungen (Tanzabende, Schuleingangsfeiern, Einwohnerversammlungen, Rentnerweihnachtsfeiern,…) statt.
- 1995: Am 15. März schloss der Gasthof. Er befand sich inzwischen in Fremdbesitz.
- 2021: Die Baptisten-Gemeinde der Evangeliums-Christen erwarb das Grundstück und saniert dieses seitdem schrittweise innen und außen. Das Gebäude dient als Bethaus.

